Die Postkarte... Ist sie nicht ein Spiegelbild des Lebens der Menschen, des Landes, der Epoche? Ist sie nicht ein Teil der allgemeinen Kunstkultur? Wird ihr das Recht zuerkannt, ein Element der materiellen und historischen Kultur zu sein, indem sie aus dem Bedarf des Tages heraus entsteht und an den alltäglichen Bedürfnissen teilhat? Welche Rolle kann dieser kleinen Form bei der Aufklärung, Propaganda und Erziehung des Kunstgeschmacks zugeschrieben werden?

Die erste Postkarte wurde vor 135 Jahren in Österreich-Ungarn herausgegeben. Im Russischen Reich erschienen die „offenen Briefe“ im Jahr 1871. Nach dem Beitritt Russlands zum Weltpostverein erschienen auf ihnen Aufschriften in russischer und französischer Sprache. Seit 1894 gestattete der russische Innenminister privat hergestellte Formulare für offene Briefe. Von da an waren der Fantasie der Verleger keine Grenzen gesetzt.

Die Postkarte war stets eine aktive Teilnehmerin der Ereignisse. In ihr ist eine ganze Welt in all ihrer Vielfalt dargestellt. Postkarten bewahren für uns auch das Erscheinungsbild architektonischer Meisterwerke in ihrer ganzen Pracht.

In dieser Ausgabe werden Postkarten des „Alten Kischinjow“ aus der Sammlung von Leonid Schklowski vorgestellt. Die auf den Postkarten abgebildeten Baudenkmäler Kischinjows sehen unterschiedlich aus, doch jedes von ihnen besitzt eine bestimmte Besonderheit. Indem sie sich in Stilen und Richtungen verflechten und miteinander in Widerstreit treten, geben sie uns die Möglichkeit, die bezaubernde Architektur zu erspüren, die aus der Tiefe der Jahrhunderte zu uns gelangt ist.

Ein Bauwerk ist nicht nur ein historischer Begriff. Es ist nicht nur „erstarrte Musik“. Es ist sowohl das kulturelle Erbe des Volkes als auch die künstlerisch-konstruktiven Besonderheiten des Denkmals und das Weltverständnis der Epoche. Und schließlich,- es ist die Weitergabe des Stabes von einer Gesellschaftsformation an eine andere, von einer Generation an die nächste, von den einen Baumeistern an andere Architekten.

Die farbige oder schwarz-weiße Postkarte lebt als Abgesandte vergangener Tage tatsächlich noch heute und erinnert uns an die architektonischen Schöpfungen Kischinjows, die die Straßen und Plätze der Stadt schmücken. Man betrachtet diese Miniaturen aufmerksam und stimmt dem zu, dass sie ein besonderes Fädchen sind, das die Jahrhunderte mit unseren Tagen verbindet.. Und man versteht, dass jede solche Botschaft tatsächlich ein Denkmal ist. Dass dies eine lebendige Verkörperung der Geschichte ist, einzigartig und deutlich ausgeprägt, die die Stadt vor bildlicher Standardisierung schützt.

Beim Kennenlernen der Postkarten „Altes Kischinjow“ spürt man die Poesie, das geistige Klima, ohne die man die heutige Stadt weder würdigen noch verstehen kann. Gerade die bis in unsere Tage erhalten gebliebenen Baudenkmäler bilden in größerem Maße die Schatzkammer der Baukunst und das unverwechselbare Erscheinungsbild der Stadt.

Manchmal gibt eine Postkarte ein Werk wieder, das leider nicht mehr erhalten ist. Sie ist dessen einzige Bewahrerin, indem sie die Bilder des Bauwerks im Gedächtnis wiederbelebt - ein Dokument der Epoche. Und wir versuchen, es wiederherzustellen und uns die Situation seiner Anwesenheit vorzustellen. Wir erlauben uns, eine Erzählung über den Architekten - den Schöpfer, über die Ereignisse, die sich an diesem Ort abspielten, über die Farbskala und die Silhouetten der Stadtbewohner zusammenzustellen.

So kann eine kleine Sammlung reproduktionsdokumentarischer Fotografien /Postkarten/ des „alten“ Kischinjow zu angenehmen Betrachtungen über Zeit, Kultur, Geschichte und Sammeln anregen.

Beim Kennenlernen ähnlicher Ausgaben erkennt man, wie vielfältig die Welt des Postschreibens ist.