Der typografische, handschriftliche Exlibris, Prototyp der handlungs- und kompositionsbezogenen Bucheignerzeichen, blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Bücher stellten in jenen Zeiten einen außergewöhnlichen Wert dar. Besitzer von Bibliotheken - Klöster, Geistliche, Feudalherren - kennzeichneten ihre Sammlungen mit einem Zeichen und schützten sie dadurch vor Dieben. Abschreiber brachten am Anfang eines Buches einen schriftlichen Vermerk über die Zugehörigkeit des Buches zu einer bestimmten Bibliothek oder Person an. Später begann man, das Buch mit einer gezeichneten, mit Initialen verflochtenen Vignette zu gestalten. Als ältestes russisches handschriftliches Zeichen gilt der Exlibris des Gründers der Bibliothek des Solowezki-Klosters, des Hegumenen Dosifei (um 1490). Gezeichnete Exlibris waren nicht weit verbreitet und bestanden zur Zeit kleiner Bibliotheken. Mit der Entwicklung des Buchdrucks trat an die Stelle des gezeichneten Exlibris ein graviertes, vom Buch getrenntes Etikett. Es handelte sich um Aufkleber auf der Innenseite des Einbands oder auf dem Vorsatzblatt in Form eines Abdrucks eines Wappens, eines Monogramms, eines Namenszuges oder eines Textes. Auch der Supralibros wurde verwendet - ein Zeichen oder Wappen, das auf den äußeren Einband geprägt wurde. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich eine rein geschäftliche Art der Kennzeichnung eines Buches. Es entstand das typografische Bucheignerzeichen, das Angaben über die Bibliothek, das Buch und den Besitzer enthielt. In ihm überwog das dekorativ-ornamentale Prinzip. In der Regel waren solche Zeichen gesetzte Akzidenz- und Schrifttypetiketten oder Stempel. Die Wiedergeburt des typografischen Exlibris als einer besonderen Richtung der Kunst des Bucheignerzeichens gehört zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit wuchs die Rolle der Schriftgestaltung und der künstlerischen Kalligrafie. In den handlungs- und themenbezogenen Exlibris nahm die Schrift einen besonderen Platz ein. In der Regel wird der typografische Exlibris durch Gravieren einer Druckplatte oder eines lithografischen Steins, im Siebdruckverfahren oder typografisch vervielfältigt. Heute greift man immer häufiger auf die Hilfe des Computers zurück. Der moderne typografische Exlibris bringt die Phantasie, Individualität und das Temperament sowohl des Besitzers der Miniatur als auch des Künstlers anschaulich zum Ausdruck. Die kompositorische Vollkommenheit des typografischen Bucheignerzeichens wird durch die richtige Wahl assoziativer Gestaltungsmittel, durch die Wechselwirkung mit dem Inhalt, durch die konstruktive Komposition und die formale Schreibung der Buchstaben, durch den lakonischen Ausdruck von Form und Graphem der Schrift erreicht. Das typografische Bucheignerzeichen ist ein Objekt der Betrachtung und des Studiums. Es weckt die Vorstellungskraft, ruft Emotionen hervor und führt in die Welt der unbewussten Wahrnehmung ein. Diese Miniatur ist ein selbständiges Kunstwerk mit einem eigenen Code, in dem der Text etwas Größeres darstellt als eine Masse von Buchstaben, die hintereinander stehen. Der Exlibris - womit er auch ausgeführt sein mag: mit einer feinen oder breit angeschnittenen Feder, mit einem runden oder flachen Pinsel, graviert oder gezeichnet, in einem Computerprogramm ausgeführt oder geklebt - bleibt stets ein impulsiver Informationsträger, ein aktiver Vermittler der modernen Kultur.