2011
„Das kleinformatige Porträt in der Grafik und im Exlibris“ /Artikel/
Informations- und kunstwissenschaftliche Zeitschrift „Chronograf“, Ausgabe 14, S. 47-68
Wologda. Verlag „WOKG“
2012-2013
„Das kleinformatige Porträt in der Grafik und im Exlibris“ /Artikel/
„Russische Exlibris-Zeitschrift“, Ausgabe 14, S. 63-72
Moskau. Verlag „RAE und MSK“
Der vorliegende Artikel verfolgt das Ziel, die Entwicklung des Porträt-Exlibris aufzuzeigen.
Bei der Betrachtung des Porträts innerhalb der großen Vielfalt des Exlibris ist es notwendig, den Porträtkanon zu analysieren, das Schaffen der Meister der kleinformatigen Porträtgrafik aus historischer Perspektive sowie das Schaffen der zeitgenössischen Meister dieses Genres zu untersuchen und darüber hinaus die Entwicklung der Porträtdarstellung im modernen Exlibris nachzuverfolgen.
Was ist ein Porträt?
In der bildenden Kunst ist das Porträt ein eigenständiges Genre, dessen Ziel die Wiedergabe der visuellen Merkmale eines Modells ist. Im Porträt wird das äußere Erscheinungsbild und durch dieses auch die innere Welt eines konkreten Menschen dargestellt.
Das Porträt ist die Wiedergabe eines lebenden Gesichts in plastischer Form und zugleich dessen künstlerische Interpretation.
Das Wort stammt vom französischen portrait, altfranzösisch portraire - „etwas Zug für Zug wiedergeben“ - und bezeichnet die Darstellung oder Beschreibung eines Menschen mit künstlerischen Mitteln wie Malerei, Grafik, Druckgrafik, Bildhauerei und Fotografie. In der Literatur existiert außerdem das sprachliche Porträt.
In der Porträtkunst sind Freiheiten und Abweichungen aller Art in geringerem Maße zulässig als in anderen Genres, obwohl sie bisweilen als Ausdruck eines verfeinerten Geschmacks oder schöpferischer Suche ausgegeben werden. Unbestreitbar ist die Tatsache, dass sich das Porträtgenre im 20. Jahrhundert mit dem Beginn der Epoche der nichtfigurativen Kunst im Niedergang befindet. Die Werke entsprechen größtenteils nicht mehr den Anforderungen echter Porträtkunst in jenem Sinne, der diesem Begriff über Jahrhunderte hinweg zugrunde lag.
Funktion des Porträts
Die Darstellung des äußeren Erscheinungsbildes einer Person ist in der bildenden Kunst das einzige Mittel zur Schaffung ihres künstlerischen Bildes. Ein Porträt kann dann als vollkommen gelungen gelten, wenn es das Original mit allen Merkmalen seines äußeren Erscheinungsbildes und seines individuellen inneren Charakters genau wiedergibt. Die Erfüllung dieser Anforderungen gehört zu den Aufgaben der Kunst und kann zu Ergebnissen von hohem künstlerischem Wert führen, wenn die Arbeit von begabten Künstlern ausgeführt wird, die in die Wiedergabe der Wirklichkeit ihr Talent, ihr Können und ihren Geschmack einbringen können.
Die Ähnlichkeit in einem Porträt ist nicht nur das Ergebnis einer getreuen Wiedergabe des äußeren Erscheinungsbildes des Porträtierten, sondern auch der Offenlegung seiner geistigen Welt und jener individuellen Eigenschaften, die ihm als Vertreter einer bestimmten historischen Epoche und eines bestimmten sozialen Umfelds eigen sind.
In der bildenden Kunst ist das Porträt nicht nur in gesellschaftlicher, sondern auch in privater und familiärer Hinsicht von Bedeutung. Dank seiner Ähnlichkeit kann es Anspruch auf historische Glaubwürdigkeit erheben, indem es eine visuell erfassbare Chronik darstellt und die familiäre Ähnlichkeit bewahrt. Somit unterscheidet man zwischen äußerer Ähnlichkeit, die als historisches Dokument oder Familienreliquie von Wert ist, und innerer, ästhetischer Ähnlichkeit, die davon überzeugt, dass der Porträtierte genau so sein muss.
Untergattungen des Porträts
Das historische Porträt stellt eine Persönlichkeit der Vergangenheit dar und wird auf der Grundlage von Erinnerungen oder der Vorstellungskraft des Künstlers sowie unter Verwendung ergänzender literarisch-künstlerischer, dokumentarischer und anderer Materialien geschaffen.
Das posthume, retrospektive Porträt entsteht nach dem Tod anhand zu Lebzeiten angefertigter Darstellungen oder ist sogar vollständig frei erfunden.
Das Porträtgemälde zeigt den Porträtierten in einem inhaltlichen und erzählerischen Zusammenhang mit der ihn umgebenden Welt der Gegenstände, der Natur, architektonischen Motiven und anderen Menschen. Im letztgenannten Fall handelt es sich um ein Gruppenporträt.
Der Porträttypus ist ein kollektives Bild, das dem Porträt strukturell nahesteht.
Das Kostümporträt stellt einen Menschen als allegorische, mythologische, historische, theatralische oder literarische Figur dar.
Das Selbstporträt wird gewöhnlich als eigenständige Untergattung betrachtet.
Genreporträt
Familienporträt
Visuelle Merkmale des Porträts in der bildenden Kunst
nach der Komposition
Die kompositorische Invariante des Porträts besteht in einer Gestaltung, bei der sich das Gesicht des Modells im Zentrum der Komposition und im Fokus der Wahrnehmung des Betrachters befindet. Die historischen Kanons der Porträtkomposition schreiben eine bestimmte Interpretation der zentralen Stellung des Gesichts im Verhältnis zu Haltung, Kleidung, Umgebung, Hintergrund und anderem vor.
nach dem Bildausschnitt:
Kopfporträts, bis zu den Schultern
Brustbilder
Halbfigurenporträts
Porträts bis zu den Hüften
Kniestücke
Ganzfigurenporträts
nach der Kopfwendung:
Frontalansicht, französisch en face - „von vorn“
Viertelwendung nach rechts oder links
Halbwendung
Dreiviertelansicht, französisch en trois quarts
Profilansicht.
Das Profilporträt ist eine der ältesten Formen, da für seine Anfertigung weniger zeichnerische Fähigkeiten erforderlich waren. In manchen Fällen wurde die Person nicht nach der Natur gezeichnet, sondern mithilfe eines beleuchteten, halbtransparenten Schirms, auf dem ihre Silhouette nachgezeichnet wurde.
nach der Form:
rechteckiges Format
Hochformat - das beliebteste Format
Querformat
Ovalformat - erscheint in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase des Porträtgenres. Aufgrund seiner Eleganz verstärkt es die dekorative Funktion des Porträts.
Rundformat
Quadratformat, selten anzutreffen.
Technik
Die Technik, in der ein Porträt ausgeführt wird, ist einer der wichtigen Faktoren, die das Erscheinungsbild des geschaffenen Porträts beeinflussen. Ein kleinformatiges, als Druckgrafik ausgeführtes Porträt wirkt wie eine intimere Gattung. Die Druckgrafik wurde häufig zur Vervielfältigung berühmter gemalter Porträts eingesetzt.
Die Entstehung erzählerisch-thematischer Exlibris verdanken wir den großen deutschen Meistern des 16. Jahrhunderts Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Hans Holbein sowie dem niederländischen Künstler und Radierer des 17. Jahrhunderts Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Sie waren die Ersten, die sich der gravierten Porträtminiatur zuwandten.
Die Porträtminiatur ist ein Porträt kleinen Formats bis zu 20 cm, das sich durch besondere Feinheit, eine eigenständige Ausführungstechnik und die Verwendung von Mitteln auszeichnet, die ausschließlich dieser Darstellungsform eigen sind. Die Arten und Formen der Miniaturen sind sehr vielfältig. Sie werden in unterschiedlichen grafischen Techniken auf verschiedenen Papiersorten und mit speziellen Farben ausgeführt.
Die Darstellung kann entsprechend der kompositorischen Lösung des Autors oder den Wünschen des Auftraggebers in jedes beliebige Format eingefügt werden. Als klassische Porträtminiatur gilt eine Miniatur, die in der Technik des Kupferstichs ausgeführt wurde. Ein Miniaturporträt kann einen intimen oder repräsentativen Charakter besitzen und eine Handlung enthalten oder darauf verzichten. Wie bei einem großformatigen Porträt kann die dargestellte Person vor einem neutralen Hintergrund, einem Landschaftshintergrund oder in einem Innenraum erscheinen. Obwohl das Miniaturporträt denselben grundlegenden Entwicklungsgesetzen und ästhetischen Kanons unterliegt wie das Porträtgenre insgesamt, unterscheidet es sich sowohl durch das Wesen seiner künstlerischen Lösung als auch durch seinen Anwendungsbereich - die Miniatur trägt stets einen intimeren Charakter.
Das Porträt war und bleibt eines der zentralen Themen der bildenden Kunst. Künstler wenden sich häufig der Porträtdarstellung zu, denn sie ist nicht nur ein stark nachgefragtes und hochgeschätztes Genre, sondern bietet auch eine außerordentlich interessante Möglichkeit, das physische und insbesondere das psychologische Wesen des Menschen zu erforschen.
Im 19. Jahrhundert wurden solche Porträts zu einem Bestandteil der Innenausstattung. In Arbeitszimmern, Salons und Bibliotheken stellte man gerahmte Miniaturen auf Tische oder hängte sie an die Wände. Häufig war eine ganze Wand mit Reihen von Miniaturporträts bedeckt, die an Verwandte und nahestehende Menschen erinnerten.
Das künstlerische Porträt ist seinem Wesen nach ein kollektives Bild, das den Charakter, die Emotionen und die innere Welt eines Menschen vermittelt. Bevor der Künstler ein Porträt anfertigt, wählt er daher das am besten geeignete Foto oder mehrere geeignete Fotografien aus. Für den Porträtkünstler ist es sehr wichtig, möglichst viele Informationen zu erhalten, um die dargestellte Person so vollständig wie möglich zu erschließen.
Die sogenannten „Porträts nach Fotografien“ werden von Kunsthistorikern nicht als echte Porträts betrachtet, da es ohne das Posieren nicht möglich sei, ein wirklich wertvolles Kunstwerk des Porträtgenres zu schaffen. Auch nach Reproduktionen angefertigte Darstellungen rechnen sie nicht zu den Porträts, da sich in solche Bilder Erfindungen und Fehlinterpretationen mischen. Gewöhnlich stellen sie lediglich eine mechanische Wiedergabe der Gesichtszüge dar, ohne den Charakter des Modells zu vermitteln. Was soll man dann erst über Gedenkporträts sagen?!
Eine in der Ausführung anspruchsvolle Porträtminiatur kann in verschiedenen grafischen Techniken angefertigt werden und ist nur ausgewählten Grafikern zugänglich. Der Kreis der Auftraggeber solcher Porträts ist äußerst begrenzt. Die Technik der Porträtminiatur ist ausschließlich für dieses Genre charakteristisch. Bei Stichen muss der Künstler eine filigrane Führung des Grabstichels beherrschen, während Porträts in der Radierung mit feinster Punktiermanier, Pointillé, ausgeführt werden - mit kleinen Punkten oder kurzen Strichen, aus denen sich das Bild zusammensetzt. Hintergrund und Kostüme werden häufig mit einem breiteren, freien Strich ausgearbeitet.
Meister
Ausführlicher möchte ich auf zwei zeitgenössische Künstler der Porträtminiatur eingehen, die zugleich Meister des künstlerischen Porträt-Exlibris sind. Es handelt sich um Anatoli Kalaschnikow (1930-2007, Russland) und Lembit Lõhmus (geb. 1947, Estland).
Das Schaffen Anatoli Iwanowitsch Kalaschnikows ist allen Liebhabern der Kleingrafik, des Exlibris und der Philatelie bekannt. Er schuf mehr als zwei Dutzend hervorragende Gedenkporträts. Der Künstler fertigte Porträts im Auftrag von Buch- und Musikverlagen sowie gesellschaftlichen Organisationen an oder ließ sich von seinem eigenen Interesse an einer Persönlichkeit inspirieren. Porträts bedeutender Staatsmänner und Politiker wurden geschaffen, um die Erinnerung an die dargestellte Person zu verewigen.
Das berühmte Porträt Pjotr Iljitsch Tschaikowskis entstand für den nach ihm benannten Internationalen Klavierwettbewerb. Dieses Porträt begründete gemeinsam mit Kalaschnikows besten Arbeiten den wahren Ruhm des Künstlers. Hier zeigt sich sein Können als Porträtist in vollem Maße. Das Porträt Tschaikowskis ist kleinformatig, doch beeinträchtigt dies keineswegs den Eindruck einer außergewöhnlichen Erhabenheit und Monumentalität des Bildes.
Die Porträts von Erasmus von Rotterdam, der Komponisten Giuseppe Verdi, Dmitri Schostakowitsch und Franz Liszt, von Omar Chayyam und Michail Scholochow, des Chemikers Dmitri Mendelejew und des Verlegers Iwan Sytin bewahren die präzise Komposition des klassischen Porträts: Dreiviertelwendung, räumliche Platzierung sowie sorgfältige Ausarbeitung von Gesicht und Händen. Der Künstler kann unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte virtuos ausgearbeitete Gegenstände lenken. Er kann den Hintergrund entfernen oder ihn trotz seiner Ausarbeitung nahezu neutral gestalten. Kalaschnikow entwickelt in seinen Porträts architektonisch aufgebaute Kompositionen in einem feierlichen „grafischen Kolorit“. Er bereichert sein Schaffen durch Verfahren der Monumentalmalerei, die er in die Druckgrafik überträgt, folgt dabei jedoch keinen künstlerischen Autoritäten. In all dem zeigt sich mit voller Kraft das ausgereifte Können Kalaschnikows als Porträtist.
In der Porträtgalerie des Künstlers ist die Strichkomposition von Bewegung durchdrungen. Die Linien kreuzen sich kaum, brechen scharf ab und erzeugen durch ihre unterschiedliche Intensität und Stärke tonale Beziehungen und Nuancen. Sein Schaffen beruht auf dem für grafische Werke so charakteristischen Kontrast zwischen weißen und schwarzen Flächen. All dies vermittelt die angespannten, innerlich dramatischen Charaktere der Porträtierten. Sämtliche Porträts sind als Holzstiche ausgeführt und führen eine einheitliche grafische Ausdrucksweise fort, die ausschließlich A. Kalaschnikow eigen ist.
Seine Porträts erscheinen in architektonischen oder illustrativen Szenen, die dem dargestellten Inhalt entsprechen. Der Künstler verwendet nur selten Landschaftshintergründe oder neutrale, geschlossene Hintergründe, die die Aufmerksamkeit vom Porträtbild ablenken würden.
Die Arbeit mit Hilfsmaterialien und die sorgfältige, vollendete Zeichnung bilden die Grundlage der Porträtkunst A. Kalaschnikows. Seine Haltung gegenüber den Modellen ist frei von übersteigerten Gefühlen und Emotionen. Der Autor ist bestrebt, die äußeren wie auch die inneren Vorzüge seiner Porträtierten hervorzuheben und ihre Bilder zu erhöhen. Darin sind tiefe Menschlichkeit und demokratische Gesinnung zu spüren.
Häufig findet A. Kalaschnikow ein oder zwei charakteristische Details, deren Darstellung die Charakterisierung seiner Modelle verstärkt. Obwohl sie der Vorstellungskraft entspringen, tragen sie zugleich die Merkmale lebensnaher Überzeugungskraft. Die Bilder zeichnen sich durch besondere Poesie und Erhabenheit aus. Die Ähnlichkeit und Genauigkeit der Darstellung des Porträtierten sind in jedem Porträt sichtbar. Für jede Individualität findet der Künstler das angemessene Verhältnis zwischen Gleichgewicht und Stabilität, Dynamik und Ruhe. Stets bleibt jedoch ein vollendetes Gefühl für das Maß erhalten, das sowohl von seinem hoch entwickelten Empfinden und professionellen Können als auch von seiner respektvollen Haltung gegenüber den dargestellten Personen zeugt. Jedes Porträt A. Kalaschnikows atmet Leben.
Das Bild in dem Selbstporträt, das von der Originalplatte des Künstlers gedruckt und als Frontispiz der Ausgabe „Exlibris von Anatoli Iwanowitsch Kalaschnikow“ aus der Reihe „Exlibris herausragender Meister der Grafik“, Moskau 1976, verwendet wurde, ist plastisch und kontrastreich gestaltet. Ein späteres Selbstporträt, eine Art programmatisches Werk, wurde mit weichen Strichbeziehungen ausgeführt. Die tonale Gestaltung entspricht der Lebenswirklichkeit des Porträtierten.
Die Nuancen und Abstufungen des inneren Zustands des Modells sind nicht bestimmend. Für den Künstler ist es wichtiger, den grafischen Zustand des Bildes zu vermitteln. Der weiße Hintergrund der Fläche legt weniger die Grenzen der Darstellung fest, als dass er das mit dem Strich Ausgeführte schärft und akzentuiert.
Anatoli Iwanowitsch Kalaschnikow ist ein bedeutender Fortführer des erzählerisch-thematischen Exlibris, das in Russland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand. Er gehört zu jener Gruppe von Fortführern der Moskauer Holzstichschule, der auch Künstler wie W. Faworski, A. Krawtschenko, P. Pawlinow und andere angehören, die einen außerordentlich großen Beitrag zur grafischen Kunst leisteten.
Wenn wir von der Galerie der Porträt-Exlibris A. Kalaschnikows sprechen, dürfen wir auch die enorme Zahl von Porträts nicht vergessen, die er für Briefmarken entwickelte. Gerade dort verfeinerte sich auf besondere Weise der Stil seiner Arbeiten als reproduzierender Künstler der Pawlowsker Schule. Dazu gehören das Porträt Mussorgskis im Exlibris von Gennadi Roschdestwenski, das Porträt Jewgeni Jewtuschenkos im Exlibris von Luc van den Briele sowie die Darstellung Rudolf Steiners im Exlibris von G. Strobel.
Der Künstler gestaltet die Kompositionen seiner Exlibris knapp und konsequent und offenbart die Komplexität des Bildes stets auf unerwartete Weise. Er ist ein Meister darin, die Tiefe und den Bedeutungsreichtum des inneren Themas zu erschließen. Die innere Dimension der von ihm geschaffenen Bilder ist trotz ihres kleinen Formats mit der Monumentalkunst verwandt. Die Darstellungen in A. Kalaschnikows Buchminiaturen sind synthetisch und vielschichtig. Sie entstehen aus der organischen Verbindung verschiedener Assoziationen. Mit sparsamen künstlerischen Mitteln vermittelt der Künstler den Charakter überzeugend.
Der konzentrierte Gesichtsausdruck und das Umfeld im Porträt-Exlibris unterstreichen den Reichtum der geistigen Welt des Porträtierten. In seinen Kompositionen zeigt der Künstler das Gesicht des Modells in der Regel in Dreiviertelansicht, wodurch der Eindruck etwas gemildert, der Gesichtsausdruck jedoch nicht verschönert wird. Die sorgfältig ausgearbeiteten Grenzen zwischen Licht und Schatten ziehen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich und vervollständigen die innere Charakteristik des Porträtbildes.
Einen außerordentlich großen Beitrag zur kleinformatigen Porträtkunst leistete der estnische Grafiker Lembit Lõhmus. Im Vergleich zur Kunst A. Kalaschnikows ist L. Lõhmus in seinen Porträts bestrebt, alle Eigenschaften des Porträts zu nutzen: bei der Kopfwendung von der Frontalansicht bis zur Halbwendung und beim Bildausschnitt vom Kopfporträt bis zur Halbfigur.
In den kleinformatigen Porträts L. Lõhmus’ ist erkennbar, bis zu welcher Grenze der Einfluss des klassischen Porträts in seinem Schaffen reicht und wo sein eigenes, selbstständiges Verständnis beginnt. Der Künstler modelliert Gesichter, Hände und Kleidung sorgfältig, doch verschwimmen die Einzelheiten seiner Modellierung nicht im „Sfumato“, sondern treten im Gegenteil plastisch und deutlich hervor. Während viele Grafiker das Geheimnis in der Ausarbeitung von Schwarz und Weiß und in den feinen Übergängen zwischen Licht und Schatten suchen, strebt L. Lõhmus nach klaren bildnerischen Lösungen und nutzt dabei die Vielfalt feinster Gegenüberstellungen und Kontraste. In ihrer kompositorischen Gestaltung besitzen seine Porträts Elemente von Stabilität, Gleichgewicht und Statik.
In seinen Arbeiten nutzte der Künstler sämtliche Errungenschaften der Porträtgrafik verschiedener Epochen. Seine frühen Porträts stellen in künstlerischer Hinsicht noch weitgehend eine Aneignung der Besonderheiten der Porträtkunst herausragender Vorgänger und Zeitgenossen dar. Nachdem er das Beste von ihnen aufgenommen und seine schöpferische Methode dadurch bereichert hatte, entwickelte er seinen eigenen Stil und seine eigene künstlerische Ausdrucksweise.
Der wichtigste Vorzug der Porträtkunst L. Lõhmus’ ist seine Fähigkeit, das Modell so darzustellen, wie es ist, dabei innerhalb der strengen Grenzen formaler Meisterschaft zu bleiben und den Geheimnissen professionellen Könnens besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Ein Beispiel dafür ist das in Kupferstichtechnik ausgeführte Porträt seines Lehrers aus der Ferne, Wim Zwiers. Die Porträts des bekannten Kalligrafen Villu Toots und des Künstlers Richard Kaljo wurden als Holzstiche ausgeführt. Anhand mehrerer Fotografien gelang es L. Lõhmus, die Charaktere seiner Modelle zu erfassen und zu beweisen, dass das Ergebnis durch das Können des Künstlers bestimmt wird. Dabei ist es unerheblich, ob er nach der Natur zeichnet oder eine Fotografie verwendet. Seine Porträts zeichnen sich durch eine starke Individualisierung der Bilder sowie durch die Konkretheit der äußeren und inneren Eigenschaften aus. Der wesentliche Vorzug dieser Methode besteht darin, dass das Modell keine Zeit für das Posieren aufwenden muss und dem Künstler eine individuelle Deutung des Bildes ermöglicht wird. Obwohl der künstlerische Wert derartiger Werke von „klassischen“ Kunsthistorikern gering eingeschätzt wird, ist der Arbeitsaufwand für eine solche kleinformatige Arbeit außerordentlich hoch.
Der Künstler schuf eine umfangreiche Porträtgalerie: Richard Wagner, Kristjan Raud, Oskar Luts, das Porträt seines Vaters und viele andere. Trotz der deutlich erkennbaren schöpferischen Kontinuität zwischen diesen Porträts weisen sie zahlreiche Unterschiede auf. Ihr Vergleich ermöglicht es, die Analyse der Porträtierten und die Unterschiede zwischen den künstlerischen Ausdrucksweisen der jeweils verwendeten grafischen Techniken besser zu verstehen.
Die ausgewogenen Exlibris-Porträts L. Lõhmus’ mit ihren ruhigen Übergängen unterscheiden sich von den Gesichtern in A. Kalaschnikows Exlibris, die durch kontrastreiche Verbindungen heller und dichter dunkler Flächen geprägt sind.
Bei dem estnischen Grafiker sind die Kompositionen stärker frontal ausgerichtet und entfalten sich hauptsächlich im Vordergrund. Vorrangige Aufmerksamkeit gilt der Offenlegung der inneren Welt der Porträtierten. Der Künstler stellt innerhalb einer Komposition zwei unterschiedliche Prinzipien einander gegenüber und verbindet sie miteinander: das räumliche und das flächige Prinzip, den inhaltlich gestalteten Hintergrund und die semantische Aussage.
In seinen Porträt-Exlibris bringt der Künstler den Akzent, die künstlerische Vollendung und die konstruktive Klarheit deutlich zum Ausdruck.
Durch die Vervollkommnung seines Könnens als Porträtist und die Bereicherung seiner Werke mit vielfältigen künstlerischen Verfahren trug L. Lõhmus dazu bei, dass sich einige Porträts in Exlibris zu historisch-dokumentarischen Porträts entwickelten. Dazu zählen die Exlibris für Mati Metsaviir, das anlässlich seines Jubiläums entstand, für Linda Kaljo, Boris Lewych und Gerhard Treier sowie das Exlibris mit der Darstellung Tilman Riemenschneiders.
Die Porträts in den Exlibris für A. Hausweiler, H. Lepik, J. Brüggemann und P. Wacher sind deshalb interessant, weil der Künstler darin gleichsam alle seine technischen Errungenschaften zusammenführt und das individuelle Porträt mit plastisch-dekorativen Verfahren verbindet. Die Komposition jedes Exlibris wird durchdacht und mit talentierter Feinheit ausgearbeitet, bevor sie mit meisterhafter Präzision ausgeführt wird. Das wichtigste Ausdrucksmittel ist in den meisten Arbeiten die tonale Modellierung, die in der Regel nicht an die Besonderheiten einer konkreten Beleuchtung gebunden ist. Der Strichton baut das Bild auf und trägt die emotionale Hauptlast. Für den Künstler ist es wichtig, die Porträtcharakteristik mit allen verfügbaren Mitteln auszudrücken und den lyrischen Aspekt hervorzuheben. Die mit großem Taktgefühl eingefügte Schrift verleiht dem Werk den Eindruck der Vollendung. Die Schrift in den Exlibris A. Kalaschnikows ist stets gleich. Sie wurde vom Künstler einmal gefunden und in seinem Schaffen ausgearbeitet. Bei L. Lõhmus ist die Schriftgestaltung sehr beweglich und wird in Abhängigkeit von der dargestellten Person modelliert.
Jeder der genannten Grafiker leistete einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der kleinformatigen Porträtkunst. Die von ihnen geschaffenen Porträtgalerien von Kulturschaffenden und Privatpersonen besitzen einen unbestreitbaren künstlerischen Wert, anhand dessen sich die schöpferische Methode untersuchen und bereichern lässt. Ebenso können die künstlerische Ausdrucksweise und der Stil analysiert werden.
Das kleinformatige Porträt im Schaffen moldauischer Künstler
In Moldau entwickelte und verbreitete sich das kleinformatige Porträt in der Druckgrafik als Form der Kleingrafik in den 1960er-Jahren. Dieses Phänomen war mit der rasanten Entwicklung des Buchdrucks und dem steigenden Niveau der Buchillustration in der Republik verbunden. Zu dieser Zeit bildete sich in der Republik ein Kreis professioneller Grafiker heraus, die eine spezielle Ausbildung im Bereich der Buchillustration erhalten hatten. Das Verlagswesen erweiterte das Spektrum der schöpferischen Bestrebungen und steigerte das Interesse an der Erschließung bildhaft-plastischer Lösungen. Es entstanden markante schöpferische Individualitäten, die ihre eigene Sichtweise in das Genreporträt, das illustrative Porträt und das Porträt im Exlibris einbringen konnten.
Der Meister der Buchkunst und Akademiker Ilja Trofimowitsch Bogdesko schuf eine ganze Galerie von Porträts der Klassiker der Weltliteratur. Dazu gehören Jonathan Swift und Erasmus von Rotterdam, Miguel de Cervantes und Milescu Spătaru, Nikolai Wassiljewitsch Gogol und Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Die Porträts aus der künstlerischen Werkstatt I. Bogdeskos vermitteln eine Vorstellung vom Spektrum seiner schöpferischen Bestrebungen, von der Vielfalt seiner Suche und von seiner souveränen Beherrschung der grafischen Technik.
Der Roman „Reisen in verschiedene ferne Länder der Welt von Lemuel Gulliver, zuerst Schiffsarzt und später Kapitän mehrerer Schiffe“ von Jonathan Swift gehört zu den bedeutendsten satirischen Büchern der Weltliteratur. Die Klarheit des Stils und der schöpferische Ansatz I. Bogdeskos zeigen sich in besonderem Maße in der Porträtdarstellung des großen Satirikers und Humanisten auf dem Frontispiz des Buches. Das Porträt Jonathan Swifts aus dem Jahr 1998 ist ein klassisches historisches Porträt, das der Meister mithilfe seiner Vorstellungskraft auf der Grundlage literarisch-künstlerischen Materials rekonstruierte. Dem historischen Kanon entsprechend wird der Porträtierte in einem erzählerischen Zusammenhang mit der ihn umgebenden Welt der notwendigen Gegenstände dargestellt: Buch, Karte, Schreibfeder und Tintenfass. Das Motiv schreibt eine bestimmte Interpretation vor. Die Komposition ist in Form eines theatralisch gestalteten historischen Innenraums aufgebaut. Die bildhaft-künstlerische Struktur des Porträts von Jonathan Swift ist der Wiedergabe der wesentlichen erzählerischen und inhaltlichen Linien dieses satirischen Romans untergeordnet. Das realistische Porträt des Autors steht im Kontrast zu den satirischen Illustrationen, die bisweilen ins Groteske übergehen. I. Bogdesko zeigt in vollem Maße die Vorzüge seiner zeichnerischen Begabung und nutzt die vielfältigen bildnerischen Möglichkeiten des Kupferstichs in ihrer ganzen Pracht und Schönheit.
Das Porträt des bedeutenden mittelalterlichen Aufklärers und Humanisten Erasmus von Rotterdam, das für das Werk „Lob der Torheit“ angefertigt wurde, entstand 1979. Auch hier glänzte I. Bogdesko als denkender Künstler, indem er die Tradition der Erschließung des künstlerischen Bildes fortführte und vertiefte. Das Porträt des Erasmus ist ausgezeichnet: Vor uns stehen zugleich ein Weiser, ein Denker und ein Schelm. Ein ironisches Lächeln berührt leicht seine Lippen. Dahinter verbergen sich Verständnis und Allwissenheit. Philosophisch blickt Erasmus auf die Grimassen und Sprünge der universellen Torheit, um sie der Welt vor Augen zu führen. Dem Künstler gelang es, die wesentlichen, bestimmenden Charakterzüge des Erasmus von Rotterdam zu vermitteln: seinen gewaltigen Intellekt und seine Geisteskraft. Das Porträt ist modern, und zugleich „schlägt“ der Autor „eine Brücke durch die Zeit“, die uns mit den Zeichnungen und Grafiken der Zeitgenossen des Erasmus verbindet. Der Grafiker I. Bogdesko gibt die charakteristischen Verfahren des damaligen Kupferstichs wieder. Die Atmosphäre der Epoche wird nicht nur durch das Porträt, sondern durch die gesamte Komposition erzeugt, die vom Künstler sorgfältig durchdacht und ebenso sorgfältig ausgeführt wurde.
Im Porträt Miguel de Cervantes’ aus dem Jahr 1996 bleibt die Wahl der Komposition durch den Künstler präzise und sorgfältig und ist vollständig der inhaltlichen Erschließung des Schriftstellerbildes untergeordnet, nicht einer äußerlichen Unterhaltsamkeit. Der Aufbau der Figur, der Blick, die Haltung der Hand, das Zusammenspiel des weißen Hintergrunds mit den eingeschnittenen schwarzen Linien und die eingravierte Handschrift, die das Porträt unaufdringlich ergänzt, versetzen uns in eine bestimmte historische Zeit, in das Porträt
„jener Epoche“. Die Arbeit mit dem Grabstichel klingt immer sicherer, ausdrucksstärker und strenger. All diese Aspekte verlagern den Schwerpunkt des Porträts sichtbar aus dem rein darstellerischen und illustrativen Bereich in den psychologischen und emotionalen. I. Bogdesko verwendet die reine Sprache des Kupferstichs, der reich an künstlerischen Möglichkeiten und grafischer Präzision ist.
Die grafische Ausdrucksweise und der Ton werden im Porträt Nikolai Wassiljewitsch Gogols aus dem Jahr 1995 komplexer. Doch auch in dieser Grafik bleibt I. Bogdeskos Prinzip der bildnerischen Komposition unverändert. Die Stilistik der bildnerischen Interpretation bleibt trotz des außerordentlich großen technischen Potenzials des Künstlers stets dieselbe - zurückhaltend. Der Schriftsteller Gogol erscheint vor uns in einem angespannten, nachdenklichen Zustand. Das Fehlen jeglicher Details lenkt die Konzentration vollständig auf den Porträtierten und ermöglicht es, das dargestellte Bild eindringlicher zu verstehen.
Bemerkenswert ist auch, dass I. Bogdesko im Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis aus dem Jahr 1995 der Darstellung der umgebenden gegenständlichen Welt große Aufmerksamkeit widmet und dabei die städtische Architektur hervorhebt. Dies ermöglicht es dem Künstler, den inhaltlichen Subtext besser sichtbar zu machen und der bildlichen Struktur des Porträts eine bestimmte emotionale Färbung zu verleihen. Dostojewski „befindet sich“ in jener charakteristischen Umgebung, in der seine Figuren leben. Die sich gleichmäßig verjüngenden Enden der eingravierten Linien, die Dichte der Schraffur und der „silberne Glanz“ sind Merkmale des klassischen Kupferstichs.
Im Porträt von Milescu Spătaru aus dem Jahr 1998 wird traditionell ein vertikales Kompositionsformat verwendet. In der ausgeführten Halbfigur des Staatsmannes entsteht der Eindruck eines eigenständigen Kunstwerks und einer zeittypischen Intonation. Das Bild ist in eine stilisierte plastische Umgebung eingebettet und visuell mit dem unaufdringlich begleitenden Text „Milescu Spătarul“ verbunden. Die Zeichnung ist sorgfältig ausgearbeitet und mit einer historischen Charakteristik des Helden versehen.
Die Grafik zeichnet sich durch das Fehlen des klassischen „silbernen Glanzes“ aus, der durch eingravierte Grate und Späne entsteht, die nicht mit dem Schaber entfernt wurden. Es entsteht der Eindruck, als sei das Porträt in Kaltnadeltechnik ausgeführt worden.
Einen gewichtigen Beitrag zum kleinformatigen Porträt leistete Leonid Stepanowitsch Nikitin. Der Künstler fügte sich organisch in die breite Strömung der „jungen Grafik“ der 1960er-Jahre und in die damalige Begeisterung für Linolschnitt und Kunststoffgravur ein. Er fand seinen eigenen Weg, seine eigene „grafische Stimme“ und „Intonation“. Die Verwirklichung persönlicher und nicht entlehnter schöpferischer Erfahrungen gewann für den Künstler einen besonderen Wert. Daraus ergab sich auch eine Verstärkung des persönlichen Elements in der Porträtgrafik. In seinen Arbeiten zeigte der Künstler Lakonismus in einer streng „schwarz-weißen Ausdrucksweise“ sowie die Energie kantiger Formen und Striche, die einen eigenartigen Monumentalismus der damaligen Wirklichkeit und Gegenwart in sich trugen.
Bei der Arbeit an den Illustrationen zu W. Ruschinas Werk „Eifersüchtig auf Kopernikus“ aus dem Jahr 1970 schuf L. Nikitin für den Bucheinband ein Porträt Wladimir Majakowskis. Die raffinierte Eleganz rhythmischer Verbindungen, der Strichton und die ins Auge fallende Virtuosität des auf organischem Glas ausgeführten Porträts wirken im Verhältnis zum schöpferischen Stil Wladimir Majakowskis und zu seiner komplexen und vor allem ernsten Haltung gegenüber den damaligen Vorgängen in der Welt nicht überzeugend. Die Unzufriedenheit mit diesem Widerspruch veranlasste den Künstler Nikitin 1976, ein neues Porträt des Dichters der Revolution zu schaffen, was ihm mit großem Erfolg gelang.
In nahezu allen Porträts, die in den 1980er-Jahren entstanden, ist das Übergewicht formaler Grafik spürbar. Zugleich zeigen sich die Kultur und die hohe Qualifikation des Grafikers.
Im Jahr 1981 schuf er einen großen Porträtzyklus mit dem Titel „Europäische Aufklärer“. Dazu gehören die Porträts von Antonio Labriola, August Bebel, Franz Mehring und Iwan Lopatin. Alle diese Porträts verbindet die Art ihrer Ausführung, die inhaltliche und grafische Struktur der Bilder, die Geschlossenheit der Komposition und bisweilen ihre Monumentalität. Indem Nikitin die „Unvollendetheit“ einiger grafischer Porträts künstlerisch gestaltet, erreicht er eine besonders ausdrucksstarke Form und Linie, die eine feine, charakteristische Kontur erzeugt, das Werk insgesamt bereichert und den Porträts eine stärkere Charakteristik verleiht. Nachdem er zahlreiche sogenannte „Porträtübertragungen“ für die grafische Ausführung angefertigt und dadurch eine Vorstellung von den Möglichkeiten des Porträtgenres gewonnen hatte, arbeitete der Künstler mit besonderem Verantwortungsbewusstsein und voller Hingabe an „imaginären Porträts“. Jedes seiner Porträts ist eine psychologische Untersuchung und eine Entdeckung, die durch langwierige, sorgfältige Arbeit erreicht wurde. Dazu gehören die Porträts von Dimitrie Cantemir, Mihai Kogălniceanu und Alexander Herzen.
Besonders deutlich zeigte sich Nikitins Schaffen in der Porträtserie „Russische Kulturschaffende“: Michail Lomonossow, Antioch Cantemir und Iwan Wolkow aus dem Jahr 1982. Es ist schwer, seiner grafischen Interpretation und der Atmosphäre, in der die Porträts L. Nikitins „leben“, nicht zuzustimmen. Die Tendenz der Ausführung und die Geschlossenheit der bildnerischen Gestaltung der Serie sowie die Organisation der grafischen Formate sind deutlich erkennbar. In den Ausarbeitungen ist, wenn nicht der Einfluss der Moskauer Grafikschule, so doch zumindest eine deutliche Übereinstimmung mit ihr zu spüren.
Das Porträt seiner Frau und das Selbstporträt beruhen auf plastischen Kontrasten. Sie wirken auf den Betrachter hauptsächlich unmittelbar durch die in ihnen angelegten Assoziationen, literarischen Ideen und einen bestimmten grafischen Stil. Trotz erheblicher tonaler Kontraste erweisen sie sich für die Wahrnehmung und die damit verbundene Deutung des Werkes als nicht ausreichend aktiv. Gemeint ist die psychologische Charakteristik der Eheleute. Plastisch wird die Komposition nicht als innerer Kampf zweier Individuen wahrgenommen, sondern lediglich als dekorativer Ansatz. Das Porträt seiner Frau Valentina ist typisch für die Blütezeit des künstlerischen Schaffens und steht vermutlich im Zusammenhang mit seiner Begeisterung für das Werk W. Faworskis. Das Frauenporträt, von dem in verschiedenen Jahren mehrere Fassungen entstanden, zeigt anschaulich die seelische und schöpferische Verfassung des Meisters.
Der Erfolg stellte sich für Leonid Nikitin dann ein, wenn er auf ein Thema traf, das seinem bereits entwickelten System künstlerischen Denkens und seiner bildnerischen Verfahren entsprach.
In den 1980er-Jahren zog der Verlag „Kartja Moldowenjaske“ den Künstler Isai Grigorjewitsch Kyrmu zur Illustration und Gestaltung von Werken der Klassiker der Weltliteratur heran, darunter Petrarca, Sebastian Brant und Pablo Neruda. Bei der Arbeit mit literarischem Material fand er durch den Holzschnitt seinen individuellen Zugang zur Illustration dieser Werke. Drei Schriftstellerporträts zu den Werken „Lyrik“ von Petrarca aus dem Jahr 1980, „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1979 und „Poesie“ von Pablo Neruda aus dem Jahr 1981 wurden in der klassischen Technik des Holzschnitts ausgeführt. Das von Isai Kyrmu geschaffene Porträt Petrarcas ist das einzige Porträt des Dichters, das von moldauischen Grafikern angefertigt wurde. Vor dem Betrachter erscheint ein zurückhaltendes und würdevolles Bild der Renaissance. Dem Künstler gelang ein außerordentlich wirkungsvoller künstlerischer Kunstgriff: Er bringt den Dichter nicht näher zu uns, sondern führt uns mit grafischen Mitteln näher zu ihm. Das auf Papier gedruckte Porträt, das durch sein Alter vergilbt zu sein scheint, eröffnet uns auf unverwechselbare Weise die Welt der Zeit Petrarcas. Der Künstler „graviert“ vor unseren Augen die Epoche, die den großen Dichter hervorbrachte.
Eine ebenso faszinierende Reise in eine andere Epoche unternehmen wir in dem Buch „Das Narrenschiff“ mit dem Porträt Sebastian Brants. Es handelt sich um ein historisches Halbfigurenporträt, in dem der Autor beim Lesen eines literarischen Werkes dargestellt wird. Der bildnerische Ausgangspunkt ist jedoch die Groteske.
Der Grafikzyklus zu Pablo Nerudas Buch „Der Große Gesang“ zeigt uns Isai Kyrmu als einen Meister der Erfassung des Tragischen. Obwohl der Dichter ein Vertreter der Literatur des 20. Jahrhunderts ist, wählt der Künstler aus dem gesamten Arsenal der Illustration erneut den Holzschnitt und eine einzige schwarze Farbe. Diese Farbe bestimmt für ihn gleichsam das Gefühl der Trauer. Das Porträt ist im Profil ausgeführt und erinnert an eine Gedenktafel mit Daten und einem Text aus dem Werk des Dichters.
Die Porträtarbeiten I. Kyrmus sind Beispiele strenger konstruktiver Lösungen, die durch die gewählte Ausdrucksweise, die Fähigkeit zur Arbeit mit einem „durchgravierten“ Ton, die Schwarz-Weiß-Grafik und einen präzise ausgewählten Strich bestimmt werden. Er führt den Betrachter nicht in den Bereich rein formalen Schaffens oder bloßer Verzierung. Dem stehen das Bewusstsein für die funktionalen Eigenschaften des Porträts und die Schaffung eines Bildes entgegen. Der Künstler hinterließ in der moldauischen Holzstichillustration der späten 1980er-Jahre bedeutende Spuren.
Wadim Eduardowitsch Rjaboi brachte eine unverwechselbar individuelle Ausdrucksweise des Porträts im Exlibris in die moldauische Exlibris-Schule ein. Seine Exlibris wurden überwiegend in Radiertechniken ausgeführt, darunter Ätzradierung, Mezzotinto, Aquatinta und Kaltnadel. Er fand eine individuelle Nuance seiner Sichtweise, ob es sich nun um ein Selbstporträt oder um das Porträt seiner Frau und seiner Tochter handelte. Objektiv betrachtet widmen sich seine Grafiken nicht der Lösung psychologischer Aufgaben im Porträt. Der Grafiker vermittelt die Bilder so, wie sie im Augenblick der Darstellung erscheinen. Dabei bleibt er innerhalb der Grenzen künstlerischen Schaffens und widmet dem professionellen Können vorrangige Aufmerksamkeit.
Mit besonderem Gefühl wurde die seiner kleinen Tochter Ksjuscha gewidmete Miniatur aus dem Jahr 1980 in Radiertechnik ausgeführt. Im Porträt sind die Ähnlichkeit und die Genauigkeit der Darstellung spürbar. Im Gesicht des Kindes spiegeln sich Ruhe und Nachdenklichkeit wider. Der Künstler findet kompositorisch das richtige Gleichgewicht der Porträtierten und durchbricht diesen Zustand mit einem konstruktiv-ausdrucksstarken Element - der auf einer zweiten Platte ausgeführten Inschrift „Ksjuscha“. Die Miniatur ist reich an tonaler Schraffur und an der Ausdruckskraft der freien Linie.
Der erzählerische Charakter der Porträts, die Bedingtheit der künstlerischen Ausdrucksmittel und die Metaphorik verflechten sich in einem Diptychon, das 1986 für seine Frau Julia Katalnikowa, gekennzeichnet mit den Initialen JK, und für den Autor selbst, gekennzeichnet mit WR, entstand. Die Darstellungen wurden auf runden Zinkplatten in surrealistischer Interpretation und unter Anwendung der Aquatinta-Technik ausgeführt. Gerade in diesen Arbeiten offenbarte der Autor die künstlerische Struktur seiner Kunst und formulierte für sein weiteres Schaffen eine eigenständige Konzeption. In diesen Exlibris verbindet W. Rjaboi die bildliche Porträtdarstellung erfolgreich mit der Schrift.
Ausdrucksstark sind der Zugang zum Thema, zum Motiv und zum Bild in dem Triptychon, das 1989 für die interrepublikanische Wettbewerbsausstellung „Leben und Schaffen Alexander Sergejewitsch Puschkins“ entstand. Unter Wahrung einer einheitlichen Stilistik und durch die Darstellung des Dichters in seiner Jugend, im reifen Alter und in Form seiner Totenmaske fand der Künstler eine poetische Antithese und ein grundlegendes bildnerisches Verfahren: „Menschen, Verehrer und Poet“. Dieses Verfahren ermöglichte es, ausdrucksstarke Kompositionen zu schaffen, die gehaltvolle Bildsymbole der Zeit zu einer Einheit verbanden. Erkennbar ist ein äußerst selektiver Weg zum Thema, zur inhaltlichen Mehrdeutigkeit und zur Bedeutung des Porträts. Der Grafiker fühlt sich frei und unmittelbar und setzt die plastischen und technischen Verfahren der Grafik mühelos ein. Die durch offene Ätzung und in Verbindung mit einer ausdrucksstarken Intonation des Striches ausgeführten Exlibris sind in ihrer Gestaltung dekorativ und in ihrem Stil organisch. Die Arbeiten tragen etwas Besonderes und Unverwechselbares in sich.
Im kleinformatigen Porträt seiner Frau nutzt der Künstler meisterhaft sämtliche Möglichkeiten des Mezzotintos. Es handelt sich um eine nur auf den ersten Blick einfache Technik, in der Ausdruckskraft, tonaler Reichtum und die Samtigkeit des Schwarz keineswegs leicht zu erreichen sind. Bei der Organisation des Porträtraums interpretiert der Autor in seiner Komposition die zentrale Stellung des Kopfes. Mit grafischen Verfahren erzeugt er das Kolorit der Monumentalmalerei und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte ausgearbeitete Elemente des Gesichts, indem er den Hintergrund abwechselnd aufhellt und erneut mit der beabsichtigten Intensität des Schwarz sättigt. W. Rjaboi versenkt den Betrachter in dieser Arbeit in die sinnliche Wirklichkeit des Porträts und macht ihn zum Mitwirkenden am schöpferischen Prozess.
Der Künstler bereichert seine technisch anspruchsvollen Porträtminiaturen durch vielfältige Verfahren und befreit sie von der Bindung an bestimmte künstlerische Konzeptionen.
Auch M. Wakartschuk mit dem Porträt Dimitrie Cantemirs, M. Gerassimow mit dem Porträt Jemeljan Pugatschows, G. Slobin mit dem Porträt des Dichters Mihai Eminescu und A. Ussow mit dem Porträt Byrons wandten sich der Entwicklung des grafischen Porträts in der Buchillustration zu. Im Exlibris beschäftigten sich E. Epur und W. Herța damit.
Meine schöpferische Erfahrung im Porträt
Eines meiner ersten kleinformatigen Porträts entstand 1982 in Radiertechnik für die Sammlung „Aphorismen“ von Bernard Shaw. Für den modernen Menschen ist der Aphorismus eine recht abstrakte Form. Es handelt sich um einen Satz, der gleichsam für sich allein schwebt und dem Leser als „Geschenk“ überreicht wird. Die vom Licht des geistigen Lebens erhellten Gedanken des Autors scheinen dem Grafiker Anlass zu einem rationalen „Zitieren“ des Gesagten zu geben, wodurch die sprachliche Verfeinerung eine besondere verborgene Kunstfertigkeit erhält. Ein Illustrator, der mit Material dieses Niveaus arbeitet, nähert sich unvermeidlich dem Gedanken, die Metapher des Lebens durch eine surrealistische Bedeutung zu ersetzen. All dies musste sich im Porträt Bernard Shaws widerspiegeln, das mit fotografischer Genauigkeit und in einer nachahmenden Ausdrucksweise ausgeführt wurde, die einen Kontrast zu den Werken des Meisters der Aphorismen bildet.
Auf andere Weise wurden die Porträts Katharinas II., Alexander Suworows und Fjodor Uschakows ausgearbeitet, die 1990 für das Historische Museum Tiraspol entstanden. Die Grafiken zeichnen sich durch einen realistischen Zugang zum Modell und eine betonte „Ausgearbeitetheit“ aus. Für die Arbeit an den Porträts waren Dutzende interessanter „Begegnungen“ mit den genannten Persönlichkeiten erforderlich.
In der Regel wurde die Kaiserin frontal oder in Dreiviertelansicht dargestellt. Das Museum bestellte ein historisches Profilporträt Katharinas II. in Radiertechnik. Zugleich musste der kompositorische Kanon gelöst werden, bei dem das Gesicht des Modells die beherrschende, zentrale Stellung einnimmt. Die Kontur der Porträtierten war weit vom Elegischen und ihre Gesichtszüge waren weit vom Ideal entfernt. Das stundenlange Studium der Werke von Künstlern, die Katharina dargestellt hatten, regte mich zu einer schöpferischen Suche an, die einem intellektuellen Wettstreit mit den interessantesten Künstlern der „Katharinischen“ Epoche gleichkam. Es galt, die Facetten dieser großen Persönlichkeit zu verstehen, offenzulegen und hervorzuheben. Das Porträt musste eine bestimmte Interpretation der historischen Persönlichkeit erhalten. Ein leichtes Lächeln verlieh dem Bild etwas Geheimnisvolles. Die materielle Kultur spiegelte die Epoche wider, während die transparente Farbmodellierung, Aquarell über Radierung, die Weiblichkeit der Erscheinung unterstrich.
Die Porträtaufgabe bei der Darstellung Hans Christian Andersens aus dem Jahr 1990 beruhte auf dem Prinzip, vom Menschen und Märchenerzähler im Lebensraum seiner Figuren zu erzählen. Das Porträt ist illustrativ gestaltet. Die Handlung wird dabei nicht als Anlass, sondern als Prinzip des künstlerischen Aufbaus verstanden, innerhalb dessen plastische Aufgaben gelöst, grafische Darstellungsweisen variiert und durch die Vielzahl von Figuren aus den Werken des Autors eine erzählerische Dichte geschaffen werden. Die Figuren des Märchenerzählers, die neben ihm leben, verleihen dem Raum gleichsam eine gegenständliche Gestalt und „bewohnen“ ihn wie ein Haus. Die Porträthandlung wird einer „märchenhaften“ Ordnung unterworfen, wodurch es in gewissem Maße möglich wird, einen komplexen Zusammenhang zeitlich unterschiedlicher Ereignisse in einer einzigen Illustration zu vereinen. Hier ist es angebracht, von einem anderen Wahrnehmungsprinzip zu sprechen. Nennen wir es ein Theaterspiel, eine Welt des alten Märchens, in der nicht der Übermut des Spiels, sondern das Geheimnis und der Zauber der Atmosphäre faszinieren. Das Porträt Andersens selbst verkörpert gleichsam die Intonation des Märchenerzählers und das Haus des Märchenerzählers.
Es galt, die „Vielschichtigkeit“ der Illustration in einem Kinderbuch auf subtile Weise zu gestalten. Die Wahrnehmung und das Vertrauen der Kinder, die Sentimentalität der Erwachsenen, das Eintauchen von Kindern und Erwachsenen in das Land der Illusionen und die Rückkehr in die Kindheit mussten wiedergegeben werden. Auf diese Weise sollte der Künstler für den Leser zum Gesprächspartner werden und nicht lediglich zu jemandem, der ein Porträt Hans Christian Andersens angefertigt hatte. Das reiche Märchenmaterial bietet dem Künstler stets Anlass zum Ästhetisieren und dazu, den Ereignissen einen festlichen Charakter zu verleihen, denn das Märchen ist eine Welt, die häufig zum Ausgangspunkt einer freien Improvisation über ein Thema wird. In dieses Porträt und diese Illustration versuchte ich vielfältige Farbkombinationen und Elemente einzubeziehen, die dem Betrachter Freude bereiten, wenn er die Grafik aus der Nähe und ausführlich, Zentimeter für Zentimeter, betrachtet, wie es die komplexe Inszenierung verlangt. Der Radierstrich, einmal gerade und unterbrochen, dann wieder leicht und geschwungen, erschafft auf der Oberfläche der Druckplatte die Bilder der „Andersenschen“ Figuren.
Alle meine Suchen und grafischen Entdeckungen versuchte ich in kleinformatigen Arbeiten - in Exlibris - zu erproben. Die Arbeiten wurden durch eine sorgfältig entwickelte und vorgegebene bildnerische Konzeption bestimmt. Meine Kenntnisse und Vorstellungen von der Kunst des Exlibris treten in allen frühen Arbeiten recht deutlich hervor. Ich möchte nicht verbergen, dass mich das Schaffen der alten Meister der Miniatur und selbstverständlich auch ihre Ausführungsweise begeisterte.
Die Porträt-Exlibris für W. Scheiko aus dem Jahr 1985 und W. Lupu aus dem Jahr 1985, die Albrecht Dürer gewidmet sind, werden funktional durch einen ganzen Komplex ästhetischer Aufgaben bestimmt. In Abhängigkeit von der porträtierten Person versuchte ich, die räumliche Tiefe der Darstellung und das Verhältnis der Details innerhalb ihrer Gesamtkomposition zu variieren. Die Porträts sollten jedoch stets räumlich gehaltvoll und monumental bleiben. Beispiele dafür sind das in das Monogramm AD, Albrecht Dürer, eingeflochtene Porträt Kaiser Maximilians und das Selbstporträt A. Dürers vor dem Hintergrund seines magischen Quadrats aus der berühmten Grafik „Melencolia“. Es handelt sich gleichsam um „Repliken“ auf Werke des deutschen Künstlers. Ich versuchte, die entwickelten Kompositionen mit Eigenschaften auszustatten, die dem Schaffen des großen Künstlers eigen sind. Meiner Ansicht nach sind sie ausreichend geschlossen und vertragen eine erhebliche Vergrößerung, ohne dabei die Kraft ihrer ästhetischen Wirkung zu verlieren.
Der „direkte“ Zugang zum Motiv und zum Bild des Porträts von Taras Schewtschenko im Exlibris für Mykola Bosenko aus dem Jahr 1989 erschien mir am ausdrucksstärksten. Bei der kompositorischen Organisation des Porträtraums schuf ich einen abgestuften, vertieften Rahmen, in dessen Zentrum sich das Bild des Dichters befindet. Auf diese Weise gelang es, Maß und Proportionen der grundlegenden konstruktiven Rhythmen sowie die Bewegung der plastischen Massen miteinander in Einklang zu bringen.
Nach einem anderen Prinzip wurde die Miniatur für Renzo Mancini aus dem Jahr 1988 gestaltet. Sie ist eine Metapher komplexer assoziativer Beziehungen. Hier war ich als Künstler bestrebt, bei einem bestimmten analytischen Ansatz und einem bestimmten Blick auf die Zeit den Augenblick „einzufangen“. Das dargestellte Porträt D’Annunzios „schwankt“ zwischen der äußeren Fixierung des Gesichts und dem Anspruch auf „Psychologie“. Insgesamt tritt das Porträt jedoch gleichsam, zumindest zeitweilig, hinter die Handlung der gesamten Komposition mit ihren komplexen psychologischen Konflikten zurück. Der Raum wird in dieser kleinformatigen Arbeit als formbildende Umgebung betrachtet, die mit der angespannten Atmosphäre jener Zeit identisch ist. Die Deutung der Porträtkomposition macht den Betrachter gleichsam mit einem Dokument der Kunstkultur jener Epoche bekannt.
Die von mir geschaffenen Porträtgrafiken bilden eine ganze Welt von Bildern, die sich auf eigentümliche Weise miteinander verflechten und jedem Ereignis eine Nuance verleihen, die gerade meinem bildhaften Denken entspricht.
Das Porträt im Exlibris existiert als eine besondere, erdachte Welt, die in der realen Welt, in der Welt der Kunst sowie in der Welt des Sammelns und Forschens lebt.
Das Porträt bleibt in der bildenden Kunst das gefragteste und zugleich ein eigenständiges Genre. Nach wie vor werden uns der Porträtierte, seine innere Welt und das künstlerische Können des Schöpfers interessieren, unabhängig davon, ob es sich um einen Maler, Grafiker oder Schriftsteller handelt.